Reisen trotz Corona-Krise

Sicher urlauben in unsicheren Zeiten

Verehrte Politik – muss das sein?

on 19. Juni 2020 Kommentare deaktiviert für Verehrte Politik – muss das sein?

Corona tangiert uns alle. Privat und auch beruflich. Die einen mehr, die anderen weniger. Dabei sind viele Branchen und deren Mitarbeiter unverschuldet in eine absolute Schieflage geschickt worden. Der Tourismus ist einer von diesen Bereichen. Rückblickend ist es nachzuvollziehen, dass ab Mitte März drastische Maßnahmen wie ein touristisches Reiseverbot und Grenzschließungen innerhalb Europas durchgeführt wurden. Keiner, einschließlich der Politiker, wusste es denn besser. Der erste Schock in der Reisebranche saß tief, sie blickte jedoch angesichts sich sehr positiv entwickelnder Infektionszahlen, dem Sommer guten Mutes entgegen.

Der deutsche Föderalismus hat gewiss Fürsprecher und Gegner, am Anfang der Corona-Lockerungen hat dieser jedoch deutlich seine Schattenseiten gezeigt: gepaart mit politischen Profilierungwabsichten wollte jedes Bundesland seinen eigenen Weg zurück ins touristische Leben führen. Besonderes Augenmerk war hier auf die bayrische Landesregierung zu legen. Es erschlich einen das Gefühl, dass bei den strengen bayerischen Corona-Auflagen für Gastronomie und Hotellerie am Ende nicht mehr die Sicherheitsaspekte im Vordergrund standen. Vielmehr sollten hier Ängste bestimmter Bevölkerungsgruppen abgeholt werden. Als es schließlich darum ging, ob die Grenzen nach Österreich kurzfristig geöffnet werden könnten, hatten sowohl Ministerpräsident Söder als auch Bundesinnenminister Seehofer mehrfach betont, dass man ja wunderbar in Bayern Urlaub machen könne.

Seehofer hatte also keine Eile, ein bilaterales Abkommen mit Österreich auszuhandeln. Ironischerweise oder sollte es eher traurigerweise heißen, bleiben nun die Touristen den bayerischen Hotels und Biergärten eher fern und fahren weiter gen Österreich, Italien oder Slowenien. Kein Wunder, haben denn die Hotels noch immer extrem strenge Auflagen beim Frühstück, dürfen Wellness und Sauna nicht öffnen. Die Gaststätten müssen weiterhin bereits um 22.00h schließen, während der österreichische Tourist in den vollen Genuss der genannten Infrastruktur kommt.

Blicken wir nach vorne und freuen uns, dass vor 2 Tagen die Reisewarnungen in die meisten EU-Staaten aufgehoben und damit auch die Grenzkontrollen in diese Länder beendet wurden. Das bedeutet, dass dem Sommerurlaub 2020 in Länder wie Griechenland, Italien, Spanien oder Kroatien nichts mehr im Wege steht. Die Freude für die Touristikindustrie hielt jedoch nur kurz und wurde durch den nächsten Schocker unlieb ausgebremst: mit der Veröffentlichung der neuen Reisefreiheit innerhalb der EU verkündete das Auswärtige Amt (AA) eine Verlängerung der Reisewarnung bis zum 31.08. für alle Nicht-EU bzw. Nicht-Schengenstaaten.

Insgesamt betrifft dies 160 Länder inklusive jener für deutsche Pauschalreisende beliebte Länder wie Ägypten, Türkei, Marokko oder Tunesien. Man fragt sich ernsthaft, was sich das AA bei dieser Entscheidung gedacht hat. Ist sich die deutsche Regierung bewusst, welche negativen Konsequenzen dies für viele Menschen in Deutschland, Europa und anderen Regionen dieser Welt haben kann? Betrachten wir also die Situation in Deutschland und was die hiesigen Reisebüros, kleine, mittelgroße und große Reiseveranstalter in den letzten Monaten getan haben: nichts als Stornierungen abzuarbeiten, die in den Zeitraum der weltweiten Reisewarnungen gefallen waren. Selbsterklärend, dass es in den letzten 3 Monaten dagegen kaum Neubuchungen für alle touristischen Beteiligten gab. Dies alles ist natürlich nicht nur extrem frustrierend und nimmt sämtliche Energie, sondern stellt für viele kleine und mittelständische Betriebe ganz real eine Bedrohung ihrer Existenz da. Der kleine Strohhalm der Hoffnung war also die Zeit nach dem 15.06., an dem sich die Reisebranche festhielt, der dann vor Augen aller von Herrn Maas letzte Woche im nächsten Mülleimer entsorgt wurde.

Dementsprechend rollt nun eine neue Flut von Stornierungen für die o.g. nordafrikanischen Reiseländer und die Türkei heran. Eine neue Last an weggebrochenen Provisionen und zeitraubende Bearbeitungen, wenn man z.B. als Reisebüro sich eigentlich um die Akquise neuer Kunden kümmern wollte. Veranstalter verzweifeln, da Sie nicht wissen, wann sie welche Destination in den Verkauf geben können ohne wieder das Risiko der weitflächigen Stornierungen einzugehen. Keine Pauschalreise ohne die Airlines, die ebenso mit der Aufarbeitung der letzten Monate kämpfen und sehr genau überlegen müssen, wann und wie viele Flugzeuge reaktiviert werden. Bei dieser Planung ist eine pauschale Reisewarnung natürlich wenig hilfreich. Für Länder wie Ägypten, Marokko, Tunesien und die Türkei sind bestimmte Regionen bis zu 80% vom Tourismus abhängig. Wenn dort Hotels zumachen müssen, Menschen abwandern und sich die Infrastruktur verschlechtert, wird das auch die deutsche Wirtschaft das mit Verzögerung zu spüren bekommen.

Zu erwarten ist, dass in den nächsten Wochen und Monaten weitere kleinere Reiseveranstalter insolvent gehen werden, vor allem jene, die sich auf ein oder wenige Zielgebiet spezialisiert haben und damit die Existenzgrundlage genommen wurde. Ein weiteres Drama spielt sich allerdings relativ verborgen an den Zielorten ab: dort ist der Tourismus teilweise der einzige elementare Wirtschaftszweig, der nun komplett weggebrochen ist. In den süd- und ostafrikanischen Ländern wie Tansania, Kenia, Botswana oder Namibia sind dadurch viele Menschen in den letzten Monaten mittellos geworden und die Sorgen drehen sich heuer mehr um Hunger und das reine Überleben als einen Virus. Damit ist der soziale Frieden bedroht. So geht es auch dem für diese Länder so wichtigen Naturschutz, für den nun das Geld fehlt. Sollte der Tourismus nicht in naher Zukunft zurückkehren müssen wir damit rechnen, dass jahrelange Bemühungen, die wilde Schönheit vor Zerstörung und Wilderern zu schützen, zu Nichte gemacht werden.

Konsequenterweise haben zwei Afrika-Veranstalter aus Sachsen und Hessen letzte Woche beim Verwaltungsgericht Berlin einen Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung eingereicht: die weltweite Reisewarnung des Auswärtigen Amts für Tansania, Seychellen, Mauritius und Namibia sei aufzuheben, da unbegründet. Die Infektionszahlen in diesen Ländern sei teilweise deutlich unter den einiger EU-Länder. In Namibia anderen Menschen überhaupt zu begegnen, ist bei einer Bevölkerungsdichte von 2,8 Einwohner pro km² schon eine Herausforderung. Zum Vergleich: in Deutschland leben auf gleichem Raum fast 100x so viele Menschen (233 pro km²).

Eine pauschale Reisewarnung ist daher nicht nur grob fahrlässig, sondern täuscht die Bevölkerung. Hier wird suggeriert, dass eine existierende Gefahr für Leib und Leben bei Reisen in ein solches Land drohe. Zwar hat der deutsche Außenminister noch am 15.06. im ARD-Extra betont, dass eine Reisewarnung kein Reiseverbot sei, die Wirkung auf die potentiellen Reisenden sind jedoch eindeutig und die Folgen für die Tourismusindustrie verheerend.

Man wundert sich im Übrigen, warum die globale Reisewarnung für weitere zehn (!!) Wochen ausgerufen wurde. Also jener Zeitraum bis Ende August, in dem sich hauptsächlich die Urlaube der schulpflichtigen Familien abspielen. Da lohnt es sich nochmal den Äußerungen des Herrn Maas genauer zu folgen: die Verlängerung der Reisewarnung wäre in enger Abstimmung mit den Kollegen der anderen EU-Länder wie Spanien, Italien oder Griechenland geschehen. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt!

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